Schweiz: Grosser Strukturwandel in der Wirtschaft

Oberarth / Schweiz – Seit der Finanzkrise geht in der Schweizer Wirtschaft -weitgehend unbemerkt- ein grosser Strukturwandel über die Bühne. Allen voran die stark expandierende Gesundheits- und Pflegebranche, welche derzeit in der Schweiz für ein Volumen von fast CHF 75 Mia. p. A. steht. Sie hat von 2008-2016 2/3 aller neuen Arbeitplätze geschaffen und bietet ausländischen Herstellern und Zulieferern zunehmend interessante Geschäftsmöglichkeiten.

Besonders gute Chancen bieten sich ausländischen Unternehmen, welche die Gesundheits- und Pflegebranche beliefern wollen. Dies ermöglichen einerseits Gesetzesänderungen, welche jetzt Direktgeschäfte ohne jeglichen Zwischenhandel ermöglichen. Andererseits dürfen sich jetzt selbst staatliche Einrichtungen am Kapitalmarkt bedienen oder Herstellerfinanzierungen eingehen.

Der Wandel der Schweizer Wirtschaft zeigt sich auch besonders stark im Arbeitsmarkt. So arbeiten seit 2008 immer mehr Menschen im Dienstleistungsbereich oder staatsnahen Berieben, während immer weniger Menschen in der Industrie und im verarbeitenden Gewerbe tätig sind. Auch fallen durch Kostendruck und Mindestlohnregelung viele Stellen für geringer qualifizierte weg.

Neue Stellen vor allem in Gesundheits- und Pflegebranchen

Obwohl die Industrie in der Zeit von 2002 bis 2008 noch rund 43'000 Stellen geschaffen hatte, wurden davon in den Jahren von 2008 bis 2016 fast 40’000 Stellen wieder abgebaut. In der gleichen Zeitspanne wurden dagegen in Gesundheits- und Pflegebranchen sowie in Dienstleistungsbranchen und staatsnahen Betrieben überdurchschnittlich viele Stellen neu geschaffen.

Im Zeitraum von 2008 bis 2016 sind mehr als 285'000 Stellen in der Schweiz geschaffen worden. Über zwei Drittel davon (mehr als 180’000) in staatsnahen Diensten wie im Gesundheitswesen, im sozialen Bereich oder im Bildungswesen. So wurden von 2008-2016 in Gesundheits- und Pflegebranchen über 70'000, bei freiberuflichen und wissenschaftlichen Dienstleistungen über 52'000, im Sozialwesen über 48'000 und in Bildungswesen fast 45'000 neue Stellen geschaffen.

Starker Zuwachs ausländischer Arbeitskräfte

Gab es in der Schweiz im 4. Quartal 2016 insgesamt 5,081 Millionen Erwerbstätige, betrug die Zunahme 2016 gegenüber dem Vergleichszeitraum im Vorjahr um 1.9%. Am stärksten nahm die Zahl der ausländischen Arbeitskräfte zu. Dies bei den Grenzgängern mit Ausweis G: +3,6%, bei solchen mit Aufenthaltsbewilligung und Ausweis B oder L +1,0% und bei den Erwerbstätigen mit Niederlassungsbewilligung (Ausweis C) +1,0%.

Im 4. Quartal 2016 waren in der Schweiz 213'000 Personen erwerbslos. Dies sind 16'000 weniger als ein Jahr zuvor. Der Anteil der Erwerbslosen an der Erwerbsbevölkerung lag bei 4,3 Prozent, verglichen mit 4,7 Prozent im 4. Quartal 2015. Saisonbereinigt ging die Erwerbslosenquote im Vergleich zum vorangehenden Quartal leicht zurück (von 4,6% auf 4,5%), nachdem sie zwischen dem 2. und 3. Quartal stabil geblieben war.

In der Öffentlichkeit kaum bemerkt

Getrieben wird diese Verlagerung auf der einen Seite von aktuellen Gesetzesänderungen im Gesundheitswesen, welche Spitälern und Pflegeeinrichtungen z. B. den Zugang zum Kapitalmerkt und ausländischen Zulieferern zu Direktgeschäften ebnet. Auch profiliert sich die Gesundheits- und Pflegebranche immer stärker als Exportschlager. Die staatliche Exportförderagentur «Switzerland Global Enterprise» hat neu sogar eine Initiative gegründet, um die Branche weltweit zu promoten. Auf der anderen Seite ist der starke Franken, der vor allem für den Rückgang von Industrieexporten steht.

Die staatsnahen Dienste übernehmen in dieser Situation die Rolle eines stabilisierenden Faktors. «Die weitgehend heterogene Entwicklung zeigt einen leisen Strukturwandel hin zum konsumgetriebenen Binnenmarkt», kommentierte Boris Zürcher, Leiter der Direktion für Arbeit beim SECO (Schweizer Wirtschaftsministerium) kürzlich an einer Medienkonferenz.

Industriejobs gehen verloren

Die Tendenz zur Verlagerung der Beschäftigung von den exportorientierten zu binnenorientierten Branchen lässt sich auch bei den Arbeitslosen nach Wirtschaftszweigen ablesen. Im Vergleich zum Vorjahr waren in der Industrie (zweiter Sektor) fast 10 Prozent mehr arbeitslos. Im Bereich der Dienstleistungen (dritter Sektor) ist die Arbeitslosigkeit im gleichen Zeitraum um 7,4 Prozent gestiegen.

Nach Berufen waren besonders die Angestellten der verarbeitenden Industrie überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit betroffen. Dies sowohl Ingenieure sowie Angestellte technischer Berufe und Mitarbeitende in Handel und Verkauf. Letztere leiden vor allem unter dem Einkaufstourismus, der Tatsache, dass Schweizer Konsumenten vermehrt im billigeren grenznahen Ausland einkaufen.

Gastgewerbe als gutes Beispiel Schweizerischer Flexibilität

In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung im Schweizer Gastgewerbe, das zum guten Teil den Tourismus beinhaltet, bemerkenswert. Hier zeigt sich, dass im Vergleich zum Dezember des Vorjahres die Arbeitslosigkeit unterdurchschnittlich gestiegen ist, obwohl in diesem Bereich Stellen abgebaut wurden.

Die Unternehmen halten die guten Mitarbeiter und gleichen tiefe Belegungsquoten mit allerlei innovativen Ideen wie kulinarische Tage aus unterscheidlichen Landesküchen und Events aus. Weil gerade diese Branche, wie die Exportindustrie, abhängig ist von einem möglichst tiefen Franken gegenüber dem Euro, hatten Experten hier einen markanten Anstieg der Arbeitslosigkeit erwartet.

Arbeitslosigkeit leicht gestiegen, Ansiedlung neuer Unternehmen in Sicht

Die Auswirkungen des Frankenschocks lassen sich zudem an der Entwicklung der Arbeitslosenquote für das Gesamtjahr ablesen. Seit Mitte 2013 lag diese saisonbereinigt fast unverändert bei 3,2 Prozent. Im Verlauf von 2015 ist sie erstmals wieder angestiegen, auf 3,6 Prozent Ende Dezember 2016 gestiegen. Das Niveau liegt also höher als in den Vorjahren.

Setzt man diese relativ hohe Arbeitslosigkeit in Bezug zur Zunahme der Beschäftigung im abgelaufenen Jahr, dann zeigt sich, dass das Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,8 Prozent und damit verbunden die Zunahme der Beschäftigung um 1,9 Prozent nicht ausreichten, um die Arbeitslosigkeit aufzufangen.

Ein Blick auf die Prognose für das zweite Quartal 2017 zeigt, dass diese Situation bestehen bleibt. Die Konjunkturprognosen des Bundes gehen von einem BIP-Wachstum von 1,5 Prozent aus, die Beschäftigung soll um weitere 0,8 Prozent zulegen und die Arbeitslosenquote auf 3,6 Prozent klettern.

Und schon zu Anfang des ersten Halbjahres 2017 sollen auch endlich die Ansiedlungen neuer Unternehmen wieder zunehmen. Bis jetzt bewegen wir uns auch bei den Neugründungen bei den niedrigsten Ständen seit Jahren.

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