Automarkt China: Die Frage ist nicht, ob er Potenzial hat

Bericht vom 2. Chinesisch-deutschen Automobilkongress und wichtige Inhalte der Strategie «China 2025».

Oberarth / Schweiz – Während wir in Europa immer noch Streitgespräche darüber führen, ob und welche PKW sog. Abschalteinrichtungen haben oder hatten, und wie viele Ressourcen durch die Produktion von Fahrbatterien für E-Autos tatsächlich verbraucht werden, verkaufen deutsche Hersteller -glücklicherweise und zum Wohle ihrer gefährdeten Arbeitsplätze in Deutschland- 50% Ihrer Autos in China. Davon bereits 15% mit E-Antrieb. Die Besitzer der Autos reisen dort mit ihren E-Autos problemlos auch über weitere Strecken. Denn in jeder grösseren Stadt hält der regionale Energieversorger ein Netz von hunderten oder tausenden Ladestationen bereit, die auch wirklich funktionieren. Im Sommer 2018 hatte Tesla in Shanghai den Grundstein für eine neue Fabrik gelegt. Nur in Europa, gerade im deutschsprachigen Teil, fühlen sich weite Kreise der Gesellschaft weiterhin auch ohne wirklichen Fortschritt im Mobilitätsbereich wohl, und geben selbstgefällige Sprüche von sich. Dies, weil sie einfach nicht wissen, wie weit wir in Europa mittlerweile in der zukunftsorientierten Mobilität gegenüber China und anderen asiatischen Ländern zurückgefallen sind.

Die Chancen eines Markteintrittes in China werden wegen falscher Vorstellungen und Informationen oft nicht genutzt

Als Teil einer deutschen Delegation von Automotive-Clustermanagern, Verbandsvertretern und Vertretern von Herstellern und Zulieferern Automotive durfte ich Anfang Dezember 2018 mit nach China zum 2. Chinesisch-deutschen Automobilkongress reisen. Der hervorragend organisierte Kongress führte die über 400 Teilnehmer über eine Woche lang an jedem Tag in eine andere Stadt, in der die Chin. Autoindustrie zuhause ist. Die Kongresstage- und Podien mit Chinesischen und europäischen Fachleuten wechselten sich mit Werksbesichtigungen bei Byton und einem Besuch der Autotechnika-Messe in Shanghai ab. Auf allen Veranstaltungen wurden die Referate fortlaufend simultan übersetzt. Dazu wurden laufend Handouts in deutscher Sprache ausgegeben. Auch wurden die dt. Delegationsteilnehmer an allen Tagen von Dolmetschern und Mitarbeitern der Stadtverwaltungen und des Chin. Handelsministeriums kollegial und bis zur sofortigen Reparatur einer heruntergefallenen Nikon-Kamera und beim spontanen Zahnarztbesuch betreut. Was ich schon am ersten Kongresstag bemängelte, war, dass sich alles nur um PKW und die grossen Konzerne drehte. Kommunal- und Sonderfahrzeuge, ein Sektor, in dem deutsche Mittelständler nach wie vor weltweite Innovations- und Qualitätsführer sind, war am führenden Kongress des weltgrössten Marktes so gut wie nicht vertreten.

Einblick in zukunftsweisende Arbeitsbedingungen bei Byton

Ein absolutes Highlight des Kongresses war der Besuch der neuen Fabrik von Byton, wo uns ein Probesitzen im neuen E-SUV ermöglicht wurde. Das Auto hat zu einem Preis von ca. 35'000 EUR die Ausmasse und Ausstattung eines Range-Rover, ist aber niedriger und wirkt desshalb bei gleicher Länge geduckter und sportlicher. Ein ganz besonderes Feature ist das Armaturenbrett, welches aus einem 1’800 mm breiten 46 Zoll Bildschirm besteht. Ähnlich innovativ ist auch der etwas grössere E-SUV der Marke NIO, der ebenfalls in München entworfen wurde und als Wettbewerber zeitgleich ins Rennen geht. Nach der Begutachtung der Autos hatten wir die Gelegenheit, die Büros von Byton zu besichtigen. Diese entsprachen in etwa denen von Google in Zürich: Wohnliche und hoch moderne co-working spaces mit hervorragendem Schallschutz und ermüdungsfreier Beleuchtung. Meine Herren. Wenn Sie Vorbilder für Ihre betriebliche Zukunft brauchen, gehen Sie mit mir nach China und ich zeige Ihnen Dinge, die Ihre Einstellung zu diesem Land und die Sicht auf Ihr eigenes Unternehmen nachhaltig verändern werden.

Wo bleiben die deutschen Hersteller von Kommunal- und Sonderfahrzeugen?

Zu dem Anlass hatte ich auch einige deutsche Hersteller von Spezialfahrzeugen wie Krankenwagen oder Autokrane eingeladen, die mit auf die Reise gingen. Dies, weil mir beim Prüfen des Programms sofort aufgefallen war, dass diese Gruppe von Herstellern, die mit ihren Leistungen nach wie vor Weltmarktführer sind, überhaupt nicht berücksichtigt wurde. In China stellte sich im Gespräch mit Vertretern der öffentlichen chinesischen Politik, also mit Vertretern der Stadtverwaltungen und deren Wirtschaftsförderungen heraus, dass aktuell in China ein immer grösserer Bedarf an soliden und langlebigen Kommunalfahrzeugen besteht. Dies desshalb, weil die Löhne stetig steigen und desshalb z. B. das Strassenfegen oder das Sprengen von Grünanlagen weniger lohnintensiv gestaltet werden soll. Bis sind die meisten Kommunalfahrzeuge in China noch immer Abwasser- und Fäkalienfahrzeuge, da nur 30% der Haushalte an eine Kanalisation angeschlossen sind. Natürlich ist der Grossteil der verkauften Fahrzeuge aus Chinesischer Produktion. Doch wie auch im Sektor der Produktionseinrichtungen, steigt die Nachfrage nach europäischen Spitzenprodukten im Bereich Kommunalfahrzeuge stetig. Dies, da immer mehr der Entscheider verstehen, dass die Produkte international führender Hersteller die 2-4 fache Lebensdauer haben und dazu noch kostengünstiger im Betrieb und Unterhalt sind.

Ersatz alter Kommunalfahrzeuge, LKW und Autokrane

Wegen der grossen Flotte alter mit Dieselmotoren betriebenen Abwasser- und Fäkalienfahrzeuge sollen bis 2020 in einem ersten Schritt landesweit 228'000 Fahrzeuge gegen solche mit EUR 6 und Abgasreinigung oder E-Antrieb ausgetauscht werden. Sehr alte Fahrzeuge, die sich nicht umrüsten lassen, sollen verschrottet werden. Neuere Aufbauten sollen wieder verwendet werden. Gleichzeitig soll das Abwassersystem weiter zügig ausgebaut werden. Der gesamte Abwassermarkt in China hatte im 2018 ein Volumen von 200 Mia. Yuan. Dies entspricht ca. 25 Mia. EUR. Derzeit arbeiten wir noch daran, Marktzahlen für Kommunalfahrzeuge zu beschaffen. Doch hier schon ein paar eindrückliche Zahlen: Da in China sehr viele Autokrane gebraucht werden, wurden in 2018 monatlich ca. 3'200 davon verkauft und ausgeliefert. Im gleichen Jahr wurden 1'148'000 schwere LKW verkauft und ausgeliefert. Dies entspricht einem Plus von 3.2% gegenüber dem Vorjahr. Strenge Abgaskontrollen bei Schwerverkehr führen dazu, dass in den nächsten 12-18 Monaten über 1 mio. Schwere LKW aus dem Verkehr kommen. 2019 wurden bis zum 1. März 321'000 Schwere LKW verkauft.

E-Anteil Quoten für PKW Hersteller - Neue Flotten von Kommunalfahrzeugen

Mit Subventionen für E-Autos und Einschränkungen für grössere Verbrennungsmotoren will die chinesische Regierung erreichen, dass bis 2020 mindestens fünf Millionen Autos mit elektrischem Antrieb auf Chinas Straßen fahren. Im 2018 wurden bereits rund eine Million PKW mit elektrischem Antrieb in China verkauft. Alle in China vertretenen PKW-Hersteller müssen zunächst eine Quote von zehn Prozent an ihrer Gesamtproduktion mit E-Autos erfüllen. Zum Jahr 2020 klettert diese dann auf 12 Prozent. Wenn ein Hersteller die Elektroauto-Quote nicht erfüllen kann, muss er entweder Punkte von anderen Firmen erwerben oder Strafzahlungen leisten. Die am Chin. Markt vertretenen Hersteller von Fahrzeugen für den öffentlichen Nahverkehr und von Kommunalfahrzeugen werden bis Ende 2020 insgesamt 600'000 Fahrzeuge in den Auftragsbüchern haben. Davon können nach Schätzungen von Branchenexperten bereits 200'000 mit E-Antrieb ausgeliefert werden. Auch rechnet man in den nächsten Jahren mit einer Steigerung des Absatzes von über 30% pro Jahr. Derzeit sind für die Branche Kommunalfahrzeuge, zumindestens für grössere Fahrzeuge, noch keine Quoten in der Diskussion.

China 2025

Die Regierung hat mit China 2025 einen ambitionierten Plan aufgelegt, der das Land technologisch an die Spitze bringen soll. Im Jahr 2049 wird die Volksrepublik China hundert Jahre alt. Das ist zwar noch ein bisschen hin, aber die Führung in Peking plant langfristig. Bis zu diesem Jubiläum soll China den Zustand als Schwellenland hinter sich gelassen und ein vollentwickeltes Industrieland sein. Wo im Moment noch viel händische Arbeit den Großteil der Wertschöpfung liefert, soll künftig mehr automatisierte Produktion Erzeugnisse mit neuester Technologien hervorbringen. Durch die Ansiedlung von ausländischen Innovationsführern aller Sektoren mit importierten und im Inland hergestellten Spitzenprodukten soll die Nachfrage danach abdecken. Im Automotive Sektor ist in China die Elektrifizierung von PKW und Stadtbussen schon heute zur Realität geworden. Von Anbietern von Arbeitsgeräten und Kommunalfahrzeugen wird erwartet, dass sie neben dem üblichen Lieferprogramm, in allen Grössenklassen bis 2022, spätestens aber 2025, elektrisch betriebene Varianten anbieten können.

Wichtige Inhalte von China 2025 sind:

Neurdings grosses Interesse am deutschen Mittelstand....

Dies als:

  • Niedergelassene Unternehmen
  • Handelspartner
  • Zulieferer

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Verbesserte Rahmenbedingen, um auch kleineren Unternehmen den Marktgang in China zu erleichtern:

  1. Möglichkeit der Unternehmensgründung auch ohne Joint-Venture Partner aus China
  2. Senkung der MwSt. auf 13%
  3. Senkung der Körperschaftssteuer von 25 auf 15% in Technologie-, Entwicklungs- oder Freihandelszonen
  4. Schaffung zusätzlicher Freihandelszonen, je nach Region, für bestimmte Branchen und Technologiefelder
  5. Zugang zu allen Förderprogrammen auch für die Unternehmen ausländischer Gründer
  6. Zugang für Unternehmen ausländischer Gründer zu öffentlichen Ausschreibungen
  7. Wegfall des zwangsweise verordneten Technologietransfers
  8. Unterstützung beim Schutz des geistigen Eigentums (Wenn Sie eine Firma in China gründen, werden Sie in Zukunft staatlich geschützt, wie jedes Chinesische Unternehmen auch
  9. Einbindung für Unternehmen ausländischer Gründer in Exportförderprogramme in Richtung anderer asiatischer Staaten. (Belebung des Aussenhandels).

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Fazit: Die «Fabrik der Welt» setzt auf deutschen und europäischen Mittelstand

Schon heute gehört China zu den industriellen Maschinenräumen der Welt. Der Industriesektor trägt mehr als 40 Prozent zum Wirtschaftswachstum bei, zugleich sind 90 Prozent aller exportierten Güter Industrieprodukte. Bei Zukunftsgütern wie Computern und Handys werden zwischen 80 und 90 Prozent der weltweit produzierten Güter in China gefertigt. Doch nach wie vor wird in China immer noch sehr oft mit der Hand gearbeitet. Die Automatisierungsquote in der Produktion liegt weit unter den Werten von europäischen Industrieländern oder auch Chinas ostasiatischen Konkurrenten wie Südkorea. Um schneller aufzuholen, kaufen Chin. Unternehmen Werkzeugmaschinen und ganze Produktionsanlagen in Deutschland und Europa ein. Gerade in diesem Bereich ist das Nachbauen und Kopieren schon längst vorbei, da gute Ingenieure und Planer rar sind und gerade Fertigungseinrichtungen oft Einzelstücke sind. Ausserdem kosten hochwertige Werkzeugmaschinen aus Chinesischer Produktion oder Kuka-Roboter «Made in China» mittlerweile fast das gleiche, wie von zwei Jahren noch solche, die aus Deutschland kamen.

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